ds' Lerchefäud...

Geschichte des Lerchenfeld

Teil 1: Frühzeit bis Kanderdurchstich und Aarekorrektion

  

Um die Entstehung des Lerchenfeld-Quartiers zu verstehen muss man schon weit zurückblättern, Zwar nicht bis zu den Dinosauriern, aber doch über 11000 Jahre, bis nach der letzten Eiszeit. Denn erst nach dieser Zeit, nach der Moränenbildung der sich zurückziehenden Gletscher, floss die Kander durchs Glütschbachtal über Allmendingen, zwischen Uetendorf und dem Lerchenfeld in die Aare. Bei jedem Hochwasser überschwemmte die Kander mit viel Geschiebe die Thuner Allmend zum Teil bis nach Uttigen. Durch den Aarerückstau entstand in unserem Gebiet eine Sumpflandschaft mit Giessen (sumpfige Wasserläufe). Das Sumpffieber (Malaria) war stark verbreitet.

 

 

  

 


Plan 1) Ausschnitt aus dem Plan von Samuel Bodmer. Kander unterer Lauf vor 1711. Oben rechts die Brücke beim Zollhaus über die Kander. Nach links die heutige Allmendstrasse. Unten Mitte die Einmündung der Kander in die Aare, links fliesst die Zulg in die Aare. Im Zentrum des Ausschnitts das heutige Lerchenfeld und die Kleine Allmend. / Staatsarchiv des Kantons Bern, AA V Kander-Simme 1

 

Wahrscheinlich gab es beim Zollhaus schon im 13. oder 14. Jahrhundert eine Brücke über die Kander. Im Jahre 1486 liess die Stadt Thun eine neue Brücke über die Kander bauen. Teile des heutigen Restaurants Zollhaus stammen aus dem Jahre 1552. Es war während Jahrhunderten das einzige Gebäude im heutigen Lerchenfeld und auch weit und breit. Die Zollgebühren für eine Überquerung der Brücke betrug: 1 Pfennig pro Person, 2 Pfennige für ein Pferd, 4 Pfennige für ein beladenes Pferd und 6 Pfennige für einen Wagen.

 

 

 

 

 

 

 

Die Zollbrücke im Lerchenfeld 1717. Unten das Zollhaus, Mitte die Holzbrücke über die trockengelegte Kander.

Ausschnitt aus dem Plan von Samuel Bodmer. Staatsarchiv des Kantons Bern AA V 413

 

 

Der Kanderdurchstich

Nachdem die Kander immer wieder die Gebiete Gwatt, Allmendingen Thierachern, Uetendorf und bis nach Uttigen mit zum Teil verheerenden Überschwemmungen heimsuchte, bewilligten, nach mehrmaligen Eingaben, 1698 die Gnädigen Herren in Bern eine Projektierung die Kander durch den Strättlighügel in den Thunersee zu leiten. Dass die Seeseitigen Gebiete und  auch die Stadt Thun nicht begeistert waren lag auf der Hand. -  Aber das ist eine andere Geschichte.

1710 beauftragte die Kanderkommisssion, Artillerie Leutnant Samuel Bodmer von Amsoldingen und die Ingenieure Gross aus Bern und Morettini aus Locarno, ein Projekt auszuarbeiten. Samuel Bodmer wurde zum Generalaufseher gewählt. 

 

Dass das Vorhaben Kostenmässig total aus dem Ruder lief kennen wir ja auch bei        heutigen Projekten zur Genüge. Bodmer wollte die trocken gelegten Parzellen kostenbringend verkaufen und parzellierte diese mit Marchsteinen. Der Verkauf der Parzellen gelang Bodmer nicht. Der Boden war zu wenig fruchtbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Letzter noch vorhandener Marchstein von Samuel Bodmer gesetzt (1717) im

Chandergrienwald nähe Schlachthaus am Forstweg, hinter der 2. Ruhebank.

 

Anfänglich wollte man den Durchstich im Tagebau bewerkstelligen. Doch mit Schaufel und Pickel, Schubkarren und Hutten (Körbe) schritten die Arbeiten nur zaghaft voran. Wegen dem Villmergen-Krieg kamen die Arbeiten zum Erliegen und man zweifelte an der Vorgehensweise von Bodmer. Samuel Jenner vom Kanderdirektorium wollte den Durchstich auf Bergmännische Art, mit einem Stollen durchbohren und zwar auf eigene Rechnung. 1714 wurden die Arbeiten abgeschlossen. Nachdem das Wasser der Kander und natürlich auch der Simme in den Stollen umgeleitet wurde, begann für die umliegenden Orte, der Stadt Thun und den Strättlighügel das Desaster das bis in die heutige Zeit nicht ganz behoben werden konnte (Hochwasser 1999 und 2005).- Aber auch das ist eine andere Geschichte.

1738 nach dem die Kander in den Thunersee floss wurde die Brücke beim

Zollhaus abgebrochen und beim heutigen Zulgübergang in Steffisburg 

Gemäde vom Baubeginn des Kanderdurchstichs durch                                            wieder aufgebaut. Die Brücke wurde 1937 durch die noch heutige

Samuel Bodmer, 1711.                                                                                       (nachträglich verstärkte) Holzbrücke ersetzt.

 

 

Ausschnitt aus dem Plan von Johann Adam Riediger. Das Gebiet der Thuner Allmend nach dem Durchstich durch den Strättlighügel und der „Trockenlegung“ der alten Kander. Oben rechts das Zollhaus. Mitte rechts die Rossweid, das heutige Lerchenfeld. Der im Plan eingezeichnete „Wald“ war wohl nur wildes Gestrüpp. Mitte, der Galgen der Stadt Thun (hochgericht). Links unten die Stadt Thun mit den zwei Aaren und dem Schloss.

Plan des alten Laufs der Kander samt Gegend von Thun 1716. Staatsarchiv des Kantons Bern AA V Kander-Simme 2

 

Verschiedene Aare Korrektionen

Nachdem die Kander unser Gebiet nicht mehr überschwemmen konnte wurde die Aare ab Thun zusehends zu einem Problemfall. Nach mehreren zum Teil untauglichen und halbherzigen Korrekturmassnahmen erhielt der Bezirkingenieur J. Zürcher 1871 den Auftrag die wilde Aare in die Schranken zu weisen und zu begradigen. Die Arbeiten dauerten 21 Jahre. Zur gleichen Zeit wurde auch die Eisenbahnstrecke von Thun nach Bern geplant und gebaut. Ein „Denkmal“ erinnert an der Aare bei der Schintere an J. Zürcher. (Bild)

 

 

Dies war definitiv die Voraussetzung, dass in der Rossweid die Möglichkeit entstand, Häuser zu bauen und den noch kargen Humus-Boden des ehemaligen Kandergeschiebe-Kegel, zu kultivieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Gedenkstein oder das Denkmal an der Aare bei der „Schintere“ für Ingenieur J. Zürcher. Die Inschrift lautet:

Der Gemeinnützigen Vereinigung der Uferanstösser und der Schweiz. Centralbahn-gesellschaft, mit Hülfe des Kanton Bern und der Schweiz. Eidgenossenschaft ist es

endlich gelungen unter der energischen Leitung und Aufsicht des Bezirksingenieurs Herrn J. Zürcher diesen verwilderten Flüssen einen geregelten Lauf und

den Ufern Schutz und Sicherheit zu geben. 1871-1892. 

 

Quellennachweis:

Thomas Bögli,“ Der prägende Einfluss der KANDER auf die Region Thun“, Werd & Weber Verlag. Interessierten Lesern ist das Buch bestens empfohlen.


Teil 2: Ein Quartier mit Dorfcharakter entsteht, der Leist, die Schule, die Eidgenössischen Betriebe

 

Ernst Grundbacher, ehemaliger Lehrer im Lerchenfeld, verfasste für die Jubiläumsschrift „50 Jahre Kirche Lerchenfeld“ einen ausserkirchlichen Artikel über unser Quartier bis zur Jahrtausendwende, den  ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Zum Teil habe ich ihn etwas gekürzt oder wenn aus meiner Sicht nötig ergänzt.

  

 

 

 

Eines des wohl noch originalsten erhaltenen Häuser mit Grundstück des „typischen Lerchenfeld-Hauses“: Gegen Süden die Wohnungen (Lukarne in späteren  Jahren eingebaut), dahinter der Ökonomieteil mit Stall und Heu Bühne, grosser Umschwung mit ehemaligem Selbstversorger-Teil für die Familie und die Viehhabe. Bei den andern doch noch häufig vorkommenden Häusern wurde der Ökonomieteil meist zu Wohnzwecken umgebaut und die Grünfläche mit Wohnblocks oder Einfamilienhäuser überbaut.

 

Zum Namen Rossweid schrieb Ernst Grundbacher: Die Kälber weideten unterhalb des Schwäbis = Kalberweid. Die Esel und Maultiere weideten zwischen Aare und Frutigenstrasse im Seefeld = Eselmatte. Die Pferde weideten zwischen Aare, Kander und Allmendstrasse. Daher stammt der alte Name Rossweid für das heutige Lerchenfeld. 1810 wurde die oft versumpfte Allmendstrasse vom Zollhaus gegen die Allmendbrücke 

gerade gelegt und mit Alleebäumen bepflanzt. Dann verlegte Thun die Abdeckerei (Beseitigung von Tierkadavern) an die Aare; daher der Name „Schintere“  beim (alten) Pumpwerk. 1826 liessen die Stadtbehörden das Überbleibsel der mittelalterlichen Justiz – den Galgen – wegräumen, 1871 wurde an der Aare für die verstorbenen internierten Bourbaki-Soldaten der Franzosenfriedhof errichtet. Dort fanden auch die Internierten aus dem ersten Weltkrieg ihre letzte Ruhestätte. (Die sterblichen Überreste der Franzosen wurde, nach Aufhebung der Gedenkstätte, auf dem Stadtfriedhof beigesetzt. Die Red.) Heute erinnert nur noch der Name Franzosenweg an diesen Friedhof. 1876 wurde dem Ingenieur Wanzenried erlaubt, eine Fähre über die Aare zu erstellen. Erst 1963 wurde diese durch einen von der Armee gebauten Steg ersetzt.

 

 

 

Der Schintere-Teich vor über 80 Jahren, die Badeanstalt des Lerchenfelds. Am Ufer hinter der kleinen Badenixe sind auch erwachsene Badende zu erkennen.

Der Teich war damals absolut Algenfrei.

 

Ein Quartier mit Dorfcharakter entsteht
Die Rossweid gehörte bis 1810 der Burgergemeinde. Nach verschiedenen Handwechseln gelangte sie 1878 an die Einwohnergemeinde. Diese verkaufte Teile zwischen bestehenden Wegen und ein Haus um das Andere entstand. Diese Häuser glichen sich: einfach, ohne Komfort. Auf der Sonnseite der Wohnteil mit Fensterfront, davor ein Garten, Auf der Schattseite ein Stall mit einer Tenne und darüber die Heubühne. Die meisten“ Bauherren“ waren Fabrikarbeiter, die gerne ein eigenes Heim besassen, die aber für ihre Arbeit so schlecht entlohnt wurden, dass sie darauf angewiesen waren, daheim eine kleine Landwirtschaft zu betreiben, um mit ihren Familien existieren zu können. Kühe, Ziegen, Schafe, Schweine, Kaninchen und Geflügel – dazu Garten und Pflanzblätze machten die Familien  zu teilweisen Selbstversorgern. Andere

Das Erste Haus im unteren Lerchenfeld wurde vor der Jahrhundertwende erbaut           besserten ihr Einkommen durch das Nebenbei betreiben  eines

und während der über 120 Jahre mehrmals umgebaut. Anfänglich war es ein                  "Lädeli" auf. Die gemeinsamen Sorgen und das Gefühl, ihre Anliegen

Bauernhaus mit Wohn-Teil gegen Süden, Ökonomie-Teil,  Stall, Scheune, dann               würden von den Behörden in der Stadt nicht ernst genug zur

eine Velowerkstatt, anschliessend wurde es mehrfach zu Wohnzwecken umge-             Kenntnis genommen, brachten weitsichtige Männer dazu eine

bautund schliesslich nach 2008 abgerissen und durch einen Wohnblock ersetzt.            Quartierorganisation zu Gründen.

 

Am 29. Februar 1908 gründeten 32 Männer aus der Rossweid im Zollhaus den Zollhaus-Rossweid-Leist.

 

Am 8. August 1908 wurde daraus der Zollhaus-Lerchenfeld-Leist und damit wurde die Rossweid  endgültig zum Lerchenfeld! Der Leist kümmerte sich mit Eingaben bei den Zuständigen Behörden um den Strassenunterhalt, die Strassenbeleuchtung und die Versorgung des Quartiers, mit genügend Strom, Gas und Telefon! Jahrzehntelang führte der Leist jeden Herbst Obst- und Kartoffelaktionen durch, die den Familien das Einkellern zu Engrospreisen ermöglichte.

 

Enttäuschungen blieben nicht aus. Am 24. März 1922 stellte der Leist das Gesuch, „…es möchte die Kehricht-Abfuhr auch auf unser Quartier ausgedehnt werden“. Am 11. Mai 1922 schrieb der Stadtschreiber im Auftrag des Gemeinderates: „Wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir Ihr Begehren gegenwärtig ablehnen müssen.“ Kein Wunder, dass sich viele Lerchenfelder damals               Ausschnitt aus dem  Protokoll der Gründerversammlung des Leists 1908.                     unverstanden und als Drittklass-Stadtbürger fühlten.

 

 Machen Sie selbst eine Zeitreise zur Entwicklung unseres Quartiers. Auf www.map.admin.ch/zeitreise können Sie die Bauliche und Landschaftliche Entwicklung der ganzen Schweiz vom Jahre 1844 bis Heute Jahrweise verfolgen. Hier drei Beispiele: Links das Lerchenfeld als es noch Rossweid hiess 1908, in der Mitte um 1930 und rechts 1950 noch ohne Wohnblocks.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausschnitt der Bauten  von 1879 des Feuerwerker Areals. Rechts erkennt man das Labiwäldli. Die Bauten wurden  in den fast 130 Jahren natürlich mehrfach umgebaut und den jeweiligen Verhältnissen angepasst. Die anfängliche Bauweise (grosses Vordach mit Holzstützen) wurde aber beibehalten. Heute sind alle Häuser des ehemaligen Feuerwerkers abgerissen respektive rückgebaut. Foto von Kurt Müller Oberhofen, zur Verfügung gestellt.

 

Explosion des Pulvermagazins NR.1 am 26. Mai 1922 auf der Allmend im Lerchenfeld

Zwei Knaben die in der Abfallgrube auf der Allmend spielten, wurden durch die gewaltige Druckwelle getötet. Die Wucht der Explosion schleuderte die Blitzableiterstange bis an die Bahnlinie im unteren Lerchenfeld. 40 Häuser wurden erheblich beschädigt. Dieses Ereignis bedeutete für den Leist eine grosse Herausforderung, hatte man es doch mit dem mächtigen Militärdepartement zu tun. Es ergaben sich Forderungen im Wert von Fr. 131 720.50 die jedoch vom EMD teilweise  angezweifelt wurden. Der Leist liess sich rechtlich durch Herrn Ed. Lüthi, Fürsprecher in Thun vertreten – mit mässigem Erfolg! Aus einem Brief  des EMD an Herrn D. Messerli, Präsident des Zollhaus-Lerchenfeld-Leistes, Thun; vom 25. November 1922 „… Wie Ihnen derselbe (Oberfeldkommissär) wiederholt mitgeteilt hat und auch von uns jeweilen betont worden ist, erfolgt diese Vergütung von Schaden durch unsere Verwaltung unter ausdrücklicher Ablehnung jeglicher Entschädigungsplicht des  Bundes lediglich auf dem Wege des freiwilligen Entgegenkommens. Von weitergehenden Leistungen kann demnach nicht die Rede sein, nachdem die Eidgenossenschaft bereits  alle Billigkeitsrücksichten in weitem Masse hat walten lassen.“ Sig. Scheurer

 

Wie wenig schlussendlich die Geschädigten erhielten, geht aus den noch vorhandenen Schriftstücken nicht hervor. Item! Böse Mäuler behaupteten, wenigstens  Ed. Lüthi habe etwas verdient.

 

Das Problem „Schulhaus“ beschäftigte den Leist ebenfalls 1922

Bis dahin stiess der Wunsch nach einem Schulhaus im Lerchenfeld bei den Behörden in der Stadt auf taube Ohren. Darum zogen 1922 Männer aus dem Vorstand des Leists von Haus zu Haus und zählten die Kinder. Das Ergebnis dieser Volkszählung überzeugte und der Bau eines Quartierschulhauses wurde geplant. Am Sonntag, 25. April 1926 um 14.00 Uhr begann die Einweihung des Lerchenfeldschulhauses mit einem Lied des Männerchors Lerchenfeld.

 

Die Erst- bis 4-Klässler mussten nun den weiten Weg ins Aarefeld- oder Pestalozzischulhaus nicht mehr buchstäblich unter die Füsse nehmen. In einem Zimmer im Untergeschoss fand der Kindergarten Platz; das zweite Zimmer wurde bei schlechtem Wetter als Turnhalle eingesetzt. Das Handarbeitszimmer unter dem Dach diente dem Quartier bis zum Bau der Kirche als Bredigtlokal. 1927 erhielt Kunstmaler Werner Engel (1880 – 1941) den Auftrag, Gänge und Treppenhaus mit Wandbildern zu verschönern. 1962 wurden diese von Etienne Claré restauriert, sie sind heute noch im alten Teil des Schulhauses zu bewundern.

 

Erste und zweite Erweiterung

1953 konnten der einstöckige Zwischentrakt, die Turnhalle und die viel zu kleine Pausenhalle eingeweiht werden. Nun wurden in acht Klassen Schüler bis ins 6. Schuljahr unterrichtet. 1984 begann die zweite Erweiterung mit dem Ausbau der Luftschutzkeller in helle Mehrzweckräume und die Sanierung der Abwartswohnung.

 

Wo ist der Dörfligeist geblieben??

Ende der fünfziger Jahre wurden die ersten Wohnblöcke gebaut. Die Zuzügler fühlten sich nicht mehr als Lerchenfelder. „Man“ kannte sich nicht mehr besonders gut. „Mann“ hatte nicht mehr die gleichen Interessen und auch nicht mehr die gleichen Sorgen. Auto- und Motorradbesitzer nahmen zu – „Man“ wurde mobil und orientierte sich nach der Stadt und nach riesigen Einkaufszentren. Seit 1955 verschwanden im Lerchenfeld 17! Grössere und kleinere Einkaufsmöglichkeiten (Lädeli).

 

Der Waldecksaal ist verschwunden, kann der Quartiertreff ihn ersetzen? Die Vereine leiden unter Mitgliederschwund. Auch bei uns prallen verschiedenartige Lebensstiele und Religionen aufeinander und darum wird es auch der Kirche kaum gelingen, aus dem Vorort von Thun ein Quartier mit Dörfligeist zu formen – trotz ihrem Fünfzigjährigen Bestehen.

 

TOLERANZ ist gefragt! Eine tolerante Haltung aller gegenüber allen könnte vielleicht den abhandenen Dörfligeist in gutem Sinne wieder aufleben lassen!

 

Soweit der Bericht von Lehrer Grundbacher aus dem Jahre 2001

 

Natürlich gibt es noch weitere markante Ereignisse, welche die Entwicklung des Quartiers stark beeinflusste. Das Entstehen der Eidgenössischen Betriebe und des Waffenplatz mit seinen Zulieferbetrieben. Nur so viel Stichwortartig:

* 1848 entschied die Eidgenössische Tagsatzung die Thuner Allmend zu kaufen.

* 1861 entschied die Bundesversammlung zwei bundeseigene Werkstätten zu errichten (Waffenwerkstatt und Munitionslabor).

* 1879 wurden die Bauten in den nachmaligen Feuerwerker verlegt. Der Name „Labi“ wie die Munitionsfabrik (heute Ruag Ammotec)                                Volksmund hiess ist bis zum heutigen Tag geblieben.

* 1890 gründete Ed. Joh. Hoffmann die Firma für Karton und Blechverpackungen (Patronenlader).

* 1895 wurde die SELVE gegründet, die mit dem Bedarf der Munitionsfabrik eng verbunden war (Patronenhülsen)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Artillerie Schiessplatz Thun: Haarscharf an der Rossweid vorbei wurde 1907 mit der Artillerie geschossen. Das Zielgelände war der Raum Uebeschisee. Zum Glück auch heute Geschichte.  Planausschnitt von einer von Arthur Hertig zur Verfügung gestellten Schiessplatzkarte.

 

Anfang 20. Jahrhundert entwickelten sich die Betriebe zusehends.  Der Bedarf an Mitarbeiter stieg stetig. Dies wirkte sich auch auf unser Quartier und die weitere Umgebung aus – es wurden immer mehr Häuser gebaut und das Quartier entwickelte sich rasant. Ausnehmend viele Lerchenfelder arbeiteten in den genannten Betrieben und auch noch heute.

 

In den 20er oder Anfang 30er Jahre pflanzte man das „Labiwäldli“ als Schutzwald um bei einem Ereignis die Anwohner und deren Liegenschaften zu schützen. Wahrscheinlich als Folge des Explosionsunglücks von 1922 auf der Allmend. Glücklicherweise musste der Schutzwald seine Wirksamkeit nie beweisen!

 

Das Verhältnis des Lerchenfelds zu den Eidgenössischen Betrieben war eine seltsame Symbiose und ist sie bis heute geblieben. Da war und ist einerseits der Arbeitgeber dem man seinen Arbeitsplatz und das Einkommen verdankte  und andererseits der mächtige Bund (EMD, VBS) mit seinem überheblichen Vorgehen Land zu kaufen, Bauten ohne Baubewilligung erstellen zu dürfen, zum Beispiel, General Herzog Haus, Zentrallager, GP90 Halle, Schliessung Uttigenstrasse. Die Stadt segnete alle Wünsche und Vorhaben der Bundesbetriebe meistens ohne grossen Widerspruch ab.

 

Doch wie schon dem Bericht von Lehrer Grundbacher zu entnehmen ist, wurde 1908 der Leist gegründet um den Interessen des Quartiers das nötige Gewicht zu geben. Dass der Einfluss des Lerchenfeld-Leists, in den über hundert Jahren, gegen den mächtigen Bund und der Stadt sich in Grenzen hält, darf hier nicht verschwiegen werden. Auch das ist ein Teil unserer Quartier-Geschichte. Doch unverdrossen kämpfen wir für das Wohl und die Interessen unseres „Lerchu“ weiter. 

 

Im dritten und letzten Teil gehen wir noch auf den Bau der Kirche, die Vereine und die Entwicklung bis in die heutige Zeit ein.                       

 

Warum eigentlich Lerchenfeld?

 

Im sumpfigen Gelände der Rossweid weideten die Pferde und traten mit ihren Hufen tiefe Löcher in den kargen Boden. Da die Feld-Lerche ein Bodenbrüter ist, benutzten die Vögel die Huf-Löcher für ihre Nester. Die Rossweid war ein beliebter Brutplatz der Bodenbrüter. Darum gab es in unserem Gebiet ausserordentlich viele Lerchen.

 

Den Stadtherren und den Rossweidlern gefiel der Name“ Rossweid“ überhaupt nicht. So entschied man sich, weil so viele Lerchen sich bei uns in den Himmel schraubten, zum neuen Quartiernamen „Lerchenfeld“. Leider habe ich bis zum heutigen Tag noch nie eine Lerche gehört oder gesehen.

Ob es sich genau so zugetragen hat sei dahingestellt, doch die Geschichte hört sich mindestens gut an. 

Heinz von Känel 

 


Sämtliche Versammlungsprotokolle wie auch Lerchenfädere sind im Stadtarchiv in Papierform deponiert und können dort eingesehen werden. Hier zum Glutschtigmachen zwei sehr alte Protokolle:

Protokoll der Leistversammlung 1921

Download
Protokoll Leistversammlung 21.12.1921.pd
Adobe Acrobat Dokument 1.5 MB

Protokoll der Leistversammlung 1915

Download
Protokoll Leistversammlung 06.03.1915.pd
Adobe Acrobat Dokument 1.1 MB

Strassenbeleuchtung ab 1909

„Was das Licht anbelangt, ist heute noch wenig Hoffnung vorhanden.“ ist dem Protokoll der Vorstandssitzung vom 8.8.1908 zu entnehmen. Die Versorgung des Quartiers mit Elektrizität beschäftigte den Lerchenfeld Leist demnach schon im Jahr seiner Gründung. Hoffnung kam tatsächlich ein Jahr später auf, als auf Einladung des Leists der Direktor der Licht- und Wasser-Werke Thun höchst persönlich die Hausbesitzer im Lerchenfeld über die Absichten der Stadt orientierte. Noch im gleichen Jahr verpflichteten sich die ersten 17 Hauseigentümer, die erforderlichen Installatio-nen für den Bezug von Elektrizität vornehmen zu lassen.

 

Am 9.12.1909 beschloss deshalb der Leist, beim Gemein-derat auch um Beleuchtung der Strassen entlang des Munitionsfabrikareals nachzusuchen. Vier Jahre später liess er ein Gesuch um Beleuchtung der Allmendstrasse und Uttigenstrasse folgen.

 

Wie haben wohl die ersten Strassenlampen im Lerchenfeld ausgesehen?

Hat jemand Bilder? Senden Sie diese bitte an info@lerchenfeldleist.ch oder Lerchenfeldleist, 3603 Thun und wir publizieren sie hier.